Товарищ, дружба, хорошo

… drei Wörter wunderbar.
Wer die erst mal begriffen hat,
sieht alles doppelt klar.

Kinners, ich sage Euch, es gibt Dinge, die haben sich derart auf meine Festplatte gebrannt, die sind quasi unkaputtbar. Diese Zeilen eines Pionierliedes zum Beispiel. Fachübergreifender Lehrstoff. Wir singen und lernen Russisch. Jaaa, was die Anzucht ihrer Jugend betraf, da hat sich die DDR nicht lumpen lassen. Und bevor hier jemand auf schräge Gedanken kommt – ich hatte eine TOLLE Kindheit. Es war nicht alles rosig, gewiss nicht. Aber, ich bin behütet aufgewachsen, Ängste vor Übergriffen, welcher Art auch immer, kannte ich nicht. Und es wurde für uns Kinder eine Menge getan. (Die Hintergründe lassen wir mal außen vor.) Da könnte sich das heutige BILDungssytem nicht nur ein bisschen was abgucken.

Ich schweife ab … Zurück zum Lied. Ich schätze, ne, genau genommen weiß ich, nicht jeder kam in den Genuss von Russischunterricht. Und ich will ja niemanden im Dunkeln tappen lassen. Die Überschrift also noch mal zum Mitlesen Tovarishch, druzhba, khorosho – gedanklich bitte. Wer ohnehin nicht vorhat, slawische Sprachen zu erlernen, muss sich nicht gleich die Zunge brechen … Und jetzt Achtung – die Übersetzung. Die hat es in sich. Genosse, Freundschaft, gut. Guckt jetzt wer wie ? Macht nix. Ich verrate Euch den ganzen Text. Ich wette, dann wird’s klarer.

Товарищ, дружба, хорошo (Genosse, Freundschaft, gut) –
drei Wörter wunderbar.
Wer die erst mal begriffen hat,
sieht alles doppelt klar.

Die Republik sei klein und schwach –
Mensch, dass ich da nicht lache.
SU und DDR vereint,
Das ist schon eine Sache!

Nun schaut euch mal den Globus an:
DA, die Sowjetunion.
Ist das ein Land, mein lieber Mann!
Da staunte mancher schon.

Die Republik sei klein und schwach –
Mensch, dass ich da nicht lache.
SU und DDR vereint,
Das ist schon eine Sache!

SU steht übrigens für Sowjetunion. Die politische Linienführung ist klar, nä?

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Steigt ein Fünftklässler nicht unbedingt dahinter, er weiß nur, dass es immer gut ist, einen großen Bruder – wie die damalige Sowjetunion übrigens offiziell betitelt wurde – zu haben, der einen Stänkerfritzen zur Not verkloppen kann. Der Sozialismus wurde uns von kleinauf mit dem Löffel verabreicht. Aber, und ich betone das, auf demselben Löffel lagen solche Werte wie Mitgefühl, Loyalität, Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Höflichkeit, Respekt. Werte, die mich um ein Vielfaches mehr geprägt haben als fehlende Bananen oder Apfelsinen auf Zuteilung. Und ganz ehrlich – es gibt viele Dinge, die ich als Kind nicht hatte und auf die ich freiwillig verzichten würde, wenn stattdessen genau diese Werte wieder mehr in den Gesellschaftsmittelpunkt rücken würden.

Aber ich schweife schon wieder ab. Tztztz. Dieses Thema birgt mehr Potential, als ich vorhatte, auf’s Tablett zu legen. Also, zurück. Der RUSSISCHunterricht …

War Pflicht. Ab der fünften Klasse. Mir war Wurscht, ob ich das lernen musste. Ich fand’s aufregend. Und cool. Ich war so begeistert, dass ich gleich zu Beginn des Schuljahres, also bevor ich auch nur eine Vokabel gelehrt bekam, in Schönschrift auf mein Russisch-Schreibheft Вир шпрехен руссиж pinselte und nächstentags stolz zu meiner Lehrerin spazierte. Und was machte die Trulla gute Dame? Schüttelte energisch den Kopf Das ist falsch! und wandte sich anderen, scheinbar wichtigeren Dingen zu. HALLO?! Ich war elf, hochmotiviert …

cof

und damit so ziemlich die Einzige in der Klasse (was die Motivation anbetraf), und kriegte nicht mal gesagt, WAS der Fehler war? Doofe Kuh! Ich hab’s dann selbst heraus gefunden. Dauerte zwar ein paar Tage oder Wochen (?), aber wäre ja gelacht, wenn ich mich davon hätte unterkriegen lassen. Mein Kindheitsmotto: Was du kannst, kann ich schon lange auch! Da fällt mir ein – DAS könnte ich doch glatt mal wieder zum Leben erwecken! Ich wage mir gar nicht auszumalen, was ich dann plötzlich alles SELBER kann! Übrigens, aus heutiger Sicht war die Reaktion von Frau Lehrerin überaus leichtfertig und, hätte ich mich davon beeindrucken lassen, gar unentschuldbar. Sie hätte mich in den höchsten Tönen loben, hätscheln und zum Mittelpunkt ihres Unterrichts machen sollen. Warum? Nun – Russisch rangierte im Schüler-Beliebtheits-Ranking noch UNTER Mathematik. Diese Sprache war quasi der Nullpunkt und hatte den Spaßfaktor eines sibirischen Arbeitslagers. Für die Anderen. Also die meisten. Ich gehörte zu den wenigen, die die Sprache mochten und demzufolge den Unterricht samt Lehrerin am Leben hielten. Aber sie hatte Glück. Ich war noch nie nachtragend. Und obendrein viel zu ehrgeizig. Ich lernte brav und ziemlich mühelos die Sechs-Fälle-Grammatik, die komische Schrift und Aussprache, währenddessen sich so manch ein Mitschüler klammheimlich doch irgendwie nach Sibirien wünschte.

cof

Die Sprache des großen Bruders kam auch während des Studiums nicht zu kurz. Zum Leidwesen der meisten Studenten. Wie sollte es auch anders sein. Nur weil wir die Lehr-Institution wechselten und mit nun etwas größeren Schritten auf den Ernst des Lebens zumarschierten, musste der Spaß ja nicht sofort aufhören. Unsere Lehrkraft trug zu jenem – erwartungsgemäß – nicht unbedingt viel bei, wohl aber eine Taktik, die wir sehr schnell durchschauten und für uns zu nutzen wussten. Am Anfang jeder Stunde standen Monolog/Dialog und Vokabelabfrage. Mündlich wohlgemerkt. Eine Kommilitonin, die der Sprache ebenso zugetan war, und ich traten für lange Zeit als Stunden-Auftakt-Duo in Erscheinung mit atemberaubend langweiligen Frage-Antwort-Spielchen Russisch für Begriffstutzige. Mit den Vokabeln einer Frage die Antwort formulieren, ist beinahe wie Teletubbie-Fernsehen. Welchen davon unsere Lehrkraft verkörperte, haben wie nie näher spezifiziert, was vermutlich daran lag, dass die bunten Filzlinge erst etliche Jahre später die großartige Bühne des Hohen Sprachniveaus behoppsten. Ob sie nicht bemerkte, was wir da in schönster Wiederholung trieben und dass es so gut wie immer dieselben Akteure waren – wir haben nie gefragt, sie hat sich nie beklagt. Und unsere, durch uns erlöste, Mitstudenten gleich zweimal nicht. Mein Enthusiasmus aber schon. Eines schönen Tages. Russisch wurde mit einem Mal zu einer schweren, geschmacklosen Kost. Und mit jedem Studientag kam ich der Liga der Kostverächter einen Schritt näher. Auf dem Abschlusszeugnis stand dennoch ein Sehr Gut. Wofür weiß ich jetzt auch nicht mehr so genau. Vielleicht aus Gewohnheit hat’s grad noch gereicht. Rückblickend habe ich jedenfalls nicht das Gefühl, in den drei Jahren noch viel dazu gelernt zu haben. Was summa sumarum auch soo egal war und ist, da ich bis heute NIE auch nur eine Vokabel außerhalb des Unterrichs gebraucht habe. Neun Jahre Russisch quasi just for fun. Zumindest in den ersten Jahren. Wer hätte das gedacht? Aber … wer hätte auch gedacht, dass plötzlich die Mauer fällt und eine ganz andere Sprache viel wichtiger wird? Neun Jahre ENGLISCH. Ich gäbe ein ganzes Königreich dafür. Samt Queen und Corgis … Aber näää. Englisch war nur Wahlfach. Musste man also nicht nehmen. Vielleicht lieber Französisch? Auch nicht? Na gut, dann Freistunde. Weltoffenheit auf ostdeutsch. Ich hätte es wie eine Schulfreundin halten sollen. Die hat die Freistunde gewählt. Spaß gab’s gratis obendrauf. Und sie konnte letztlich besser Englisch als ich nach vier Jahren. Mit dem richtigen Radiosender der richtigen Musik.
C‘est la vie. Oder so.

Und wer bis hierhin nicht vergessen hat, dass ihm die Schreibheft-Schönpinselei noch unklar ist, dem sei erklärt: deutsche Worte in russischen Buchstaben zu schreiben, ist, wie wenn ich der Queen die Krone samt schnödem Klunker und biederem Omma-Outfit klaue. Ach ja, die tiefergelegten Fellnasen nicht zu vergessen. Kein Mensch käme auf die Idee, mich deswegen in den Buckingham Palace marschieren zu lassen. Nicht einmal, wenn ich ordnungsgemäß dahergetrippelt käme. Kleider machen eben KEINE Leute.
Вир шпрехен руссиж heißt gelesen Wir sprechen Russisch. Ich hatte lediglich die Buchstaben eins zu eins ausgetauscht. Die korrekte Übersetzung lautet Мы говорим по-русски. Gelesen My govorim po-russki. Dann weiß der Russe Bescheid. Und ich hätte die ganze Fleißarbeit deutlich einfacher haben können, denn genauso lautete der Titel des Lehrbuchs.

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Wenn ich ihn denn schon hätte lesen können. Zu diesem Zeitpunkt kam mir Russisch aber noch ganz schön Spanisch vor.

Fremdsprachen kann ich …

In diesem Sinne – lasst Euch nicht ein X für ein U vormachen.

 


 

Bildquellen
Дружба Freundschaft – Amazon
Lehrbuch – Internet

3 Gedanken zu “Товарищ, дружба, хорошo

  1. ansufoe schreibt:

    Toll geschrieben. Ich habe russisch geliebt und meine Brieffreundin schon ab der 3. Klasse gehabt. Samt persönlichem Übersetzungsservice 😉.
    Mangels Gebrauch ist leider heute fast alles tief in den hintersten Ecken meines Hirns vergraben. Nur ab und zu finden mal ein paar Vokabeln den Weg nach draußen.

    Gefällt 1 Person

    • Barfuß unterm Regenbogen schreibt:

      Guten Morgen Annett,

      danke für Deine lieben Worte. 💕
      Mangels Gebrauch … das lässt sich leider auf viel zu Vieles beziehen, was wir in der Schule gelernt haben. Wobei wir ja noch Glück hatten, würde ich meinen. Ich erinnere mich, als meine Tochter eines Tages mit irgendeinem mathematischen Nonsens nach Hause kam und über der Hausaufgabe völlig verzweifelte. Als sie mich um Hilfe bat, musste ich passen, ich wusste nicht mal, wovon sie sprach. Ich weiß es bis heute nicht. Ich habe es NIE gebraucht. Sie übrigens auch nicht. WOZU wird dann so viel kostbare Zeit damit vertrödelt? Wozu werden Kinder so in die Irre geführt? DAS wären doch mal Fragen, die das Bildungssystem ausgiebig erörtern sollte … 🙄

      Brieffreunde – ach ja. Die guten alten Zeiten. … Internet – ach ja. Die guten neuen Zeiten. 😀
      Ich bin schon auf Deinen Blog gehuscht, kurz mal schauen. Ich werde bei Gelegenheit mal bissle genauer lesen. Ich glaube, wir haben so paar Gemeinsamkeiten … 🤪

      Ich wünsche Dir ein Zauber-haftes Wochenende, liebe Grüße
      Britta

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