Neues Land

Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts entscheidet sich eine junge Frau ihr ganzes bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Nur mit ein paar Möbeln, Koffern und ihren drei kleinen Kindern macht sie sich auf eine abenteuerliche Reise.
Dies sind ihre Geschichten.

 


 

Raigschmeggd

Braune Augen? Fehlanzeige. Schwarze Locken? Kannste vergessen. Und dann diese Größe: Küssen geht da nur auf allerspitzester Zehe! Von 900 km quer durch Deutschland war auch nie die Rede. Amor muss besoffen gewesen sein. Wohin auch immer er gezielt hat – er hat getroffen. Also irgendwo im Nirgendwo.

Da steh ich nun. Fern der Heimat. Kenne außer diesem Hünen keine Menschenseele. Und … versteh‘ kein Wort. Denn hier wird deidsch g’schwätzt. Meine astreinen hochdeutschen Kommunikationsversuche funktionieren nur in eine Richtung. Und das Wenige, das ich mehr erahnen als verstehen kann, ergibt keinen Sinn.
Hochspannend ist es allemal: Da, wo ich herkomme, deckt man sich mit einer Decke zu. Steckt ja schon im Wort drin: zu-Decke(n). Hier nimmt man einen TEPPICH? Sollte mir kalt sein, ziehe ich eine Jacke über. Wie mir stattdessen ein Kittel helfen soll, ist mir absolut unerklärlich. Der hat ja noch nicht mal Ärmel! Die Äbbiera ist nicht etwa eine Erdbeere, sondern eine Kartoffel, und Gugge tut man zwar mit den Auga, allgemein verstaut der Schwob allerdings seinen Aikauf darin.
Ob ich nun an meinem Verstand oder dem der Einheimischen zweifeln soll, frage ich mich aber spätestens, als eine Nachbbarin erzählt, dass sie ihren Salat in der Kloschüssel anmacht. Und nicht weniger merkwürdig erscheint mir die Erzählung einer anderen Nachbarin, deren Oma im Kartoffelkeller auf Mais eindrosch.
Die Welt ist ein Irrenhaus. Und HIER ist die Zentrale.

Willkommen in Hohenlohe! Wo man den (schwäbischen) Dialekt mit einem Dialekt krönt.

cof

 

Zammababbla

Als ich seinerzeit – und völlig ahnungslos, was auf mich zukommen würde – mit meinem – späteren – Göttergatten von Nord nach Süd telefonierte, wurde er von einer hinzukommenden Person kurz in ein (Neben)Gespräch verwickelt, dem ich überhaupt nicht neugierig, aber völlig fasziniert lauschte: Mit wem spricht er da und in WAS für einer Sprache? Später wich diese Faszination ziemlich schnell einer (wenn auch glücklicherweise vorübergehenden) Resignation – was nicht der unbedingt Tatsache geschuldet war, dass es sich um seine Muddr handelte, sondern dass wir uns nicht verstanden … und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Mir kennet älles ausser hochdeutsch. Ich würde schwören, den Satz hat Frau Schwiegermama geprägt.

Aber versucht hat sie es. Mit vollem Einsatz. Ohne Punkt und Komma und … ums Eck. Es gab da diese eine, mir auf ewig in Erinnerung bleibende, Unterhaltung ziemlich am Anfang unserer Schwiegerkarriere. In ihrem Bestreben mir hochdeutsch entgegenzukommen, dolmetschte Frau Schwiegermama höchstselbst. Hochkonzentriert lauschten meine Ohren ihren Worten, meine Augen bemühten sich um lippenlesende Unterstützung, während die Hirnwindungen eiligst und akribisch versucht waren, die vernommenen Laute mit irgendwelchen mir bekannten Vokabeln in Deutsch oder – vor lauter Verzweiflung gar – Hohenlohisch abzugleichen. Ich gab mein wirklich … wirklich Allerbestes, bis ich plötzlich den Göttergatten unüberhörbar grinsend in seiner ‚Mutter’sprache vernahm: Kannst aufhören, Mama, Britta hat längst den Faden verloren … Während ich nämlich im geistigen Hinterstübchen noch schwer mit meinen letzten Übersetzungsarbeiten von Schwiegermamas umfangreichen Ausführungen beschäftigt war, hatte sie ohne Vorwarnung und von mir unbemerkt das Thema gewechselt. Eine ihrer leichtesten Übungen. Meine daraus resultierende Verständnislosigkeit stand mir wohl derart deutlich ins Gesicht geschrieben, dass der Göttergatte es für mein Wohlergehen angemessen hielt, mich aus meiner inzwischen recht bedenklichen – weil verwirrten – Lage zu erretten. Was auch immer unser Thema war – ich habe keine Ahnung. Ich glaube, die hatte ich schon damals nicht …

18_04_18_4b

 

 Vrschdoschs

Missverständnisse waren in meinen hiesigen Anfängen quasi an der Tagesordnung. Als der Göttergatte erstmalig Gsälz beim Einkauf erbat, erklärte ich nachdrücklich, dass es mir widerstrebe, Sülze auf den Frühstückstisch zu stellen. Hätte er irgendeine Art von Obst vor das Gsälz gesetzt, wäre ich vielleicht stutzig geworden. Aber nur vielleicht. Hier im Ländle wich so vieles von meiner gewohnten Norm ab, dass ich vermutlich sogar in ernsthafte Erwägung gezogen hätte, hier mag man(n) Erdbeersülze. Gsälz ist nämlich Marmelade. Klar. Logisch. Klingt ja auch ganz ähnlich.

Essen bei den Schwiegerleuten – the same procedure as everytime: Der Antwort auf die Frage, was es gibt, folgte umgehend meine nächste Frage. Was ist das? Schnelles Lernen bewahrte mich vor Tod durch Verhugern. Hier gibt es Gerichte … die klingen nach allem, nur nicht nach dem, was dann auf dem Teller zu finden ist. Grimbele (Kaiserschmarrn), Herrgottsbescheißerle (Maultaschen), Bröggele (Brokkoli), Grommbiraschniddz (Pommes) … Und ganz wichtig … essentiell … fundamental … unabdingbar … ist IMMER die Soße. Darin wird quasi alles ertränkt. Dass die Soße für der Schwaben Fortbestand das Non plus Ultra ist, lernen schon die Allerkleinsten: Stark und groß durch Spätzle mit Soß. Klingt doch verlockend.

Ach ja, nicht zu vergessen. Damit es KLINGEN kann, muss man … ähm frau … also ich es selbstverständlich auch aussprechen können. Zungenbrecher und Mundakrobatik fallen mir in diesem Zusammenhang als Erstes ein. UND der/die/das hohenlohische Hosche. Das ist gleichermaßen ein Begriff für Hose und Hase. Liegt ja auch nah beieinander. Allein in der tonalen Aussprache erkennt der geübte Zuhörer den kleinen feinen Unterschied. ICH gehöre auch nach all den Jahren NICHT dazu. Mir erschließt sich nur im zusammenhängenden Satz, ob es sich im Hof um eine Hose (auf der Wäscheleine) oder einen Hasen (im Gemüsebeet) handelt. Immerhin verstehe ich inzwischen das meiste vom hiesigen G’schwätz, und auch wenn ich den Dialekt nicht übernommen habe, hört man mir an, aus welcher Richtung ich komme. Kind! Deine schöne Sprache!, war das fassungslose Resümee meiner werten Frau Mama nach einem unserer ersten Telefonate in meiner neuen Heimat.

cof

 

Fortsetzung folgt …


 

Schwäbisch/Hohenlohisch – Deutsch

raigschmeggd = zugezogen (ortsmäßig)
Kloschüssel *sprich Gloooooschissel = Glasschüssel
Maisch = Mäuse (NICHT Mais) 😂
zammababbla = viel und unstrukturiert reden
vrschdoschs = verstehst du

 

4 Gedanken zu “Neues Land

  1. André Scheu (@redgelini) schreibt:

    Ich finde schon, Du hast Dich da sehr wacker geschlagen. Beim letzten „unangekündigten“ Schwäbisch Test bist Du ja sehr gut weggekommen. Kann mir gut vorstellen, dass es umgekehrt mit „Platt“ auch nicht einfacher gewesen wäre. Nur, die Berge 🌄 wären dann noch weiter weg 😏. Ich finde ja, Du hast „Ebbes“ vergessen. Ein so vielfältiges und variantenreiches Wort, welches zudem so weite Verbreitung findet, hat es doch auch in dem Blog verdient, oder kommt das womöglich in der Fortsetzung?

    Gefällt 2 Personen

    • Barfuß unterm Regenbogen schreibt:

      Was heißt hier ’sehr gut weggekommen‘?! ICH hatte volle Punktzahl, und wer hatte doch gleich den Fehler? 🤣🤣🤣
      Joo, Platt hat auch wundervolle Begriffe. Ich finde ja ‚Schietbüdel‘ ganz zauberhaft. 🤪
      Und greif ruhig vorweg. 😋 Vor allem, wenn Du selbst noch auf die Fortsetzung hinweist. MAN(N)! 🤦‍♀️ 🤪 … Du hast bestimmt nicht zufällig ‚Verdroschen‘ gelesen. Es gibt keine Zufälle. Vrschdoschs? 😎 🤪🤣😘

      Gefällt mir

  2. Wiebi Peters schreibt:

    Ich habe übrigens ‚verdroschen‘ gelesen 😛
    Ja, wir hatten es auch nicht so einfach mit der hiesigen Sprache. Mittlerweile fallen sämtliche Kollegen vom Stuhl vor Lachen, wenn ich doch mal jemanden aus’m Ländle am Telefon habe und in den gelernte Dialekt verfalle 🙂

    Kuss,
    die Tochter.

    Gefällt 1 Person

    • Barfuß unterm Regenbogen schreibt:

      Verdroschen. Hmmm, akkurat dieselbe Aussage kam von André. 🤣 Irgendwie stammt Ihr wohl doch vom selben Appelbaum. 😂

      Ich mag es übrigens auch, wenn Du Dialakt sprichst. 😉 Du hättest ja in André einen super Sparringspartner. 👌 Und ich bin Zuschauer in der ersten Reihe. 👀

      😘

      Gefällt 1 Person

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