Der König ist tot – es lebe der König

Es war Kindertag. Der erste von zweien, die in Deutschland – mehr oder weniger – groß gefeiert oder immerhin gewürdigt werden. Erst bei genauerem Hinsehen fällt übrigens auf, dass sich diese Kindertage über das Datum hinaus – zumindest in der definierten Bezeichnung –  unterscheiden. 1950 wurde von der DDR und anderen Ostblockstaaten der 1. Juni als Internationaler Kindertag eingeführt und seitdem jährlich mit großem TamTam begangen. 1954 empfahl die UNICEF im Auftrag der Vereinten Nationen einen Weltkindertag einzurichten und lieferte den 20. September gleich als Vorschlag mit. Der westliche Teil Deutschlands kam dieser Empfehlung nach, auch wenn es ein paar Jahre dauerte, bis der Tag zu dem wurde, was er sein soll: Ein Fest für die Kinder. Im Zuge der WiederVereinigung ist den Politikern dieses Doppel dann offensichtlich nicht aufgefallen, vielleicht war es ihnen auch nicht wichtig genug, und solange der EU-Regulierungswahn noch genügend andere Dinge zu bevormunden hat, wird sich daran wohl auch nix ändern. Den Kindern wird’s egal sein, die haben sowieso am liebsten ganzjährig Party.

Traditionell wird unsere Nachkommenschaft am 1. Juni bedacht. Solange sie in den Kinderschuhen steckte, haben wir gerne von den Gemeinden organisierte Kinder-Feste besucht. Mal nicht für die Kids-Bespaßung zuständig sein zu müssen, empfand ich als sehr erholsam. Für meine Nerven. Und den Geldbeutel. Wasserpistolen waren seinerzeit DER Hit. Die dazugehörigen Kaufpreise auch. Die Lebensdauer hingegen weniger. Ganz zu schweigen von Elektroautos, Hüpfburgen oder Kletterwänden. Kinder können ja immer alles brauchen. Unbedingt. Bis sie es haben. Dann brauchen sie was anderes. Immerhin blieb uns die Frage nach dem obligatorischen Pony erspart. Glaube ich jedenfalls. Es könnte allerdings auch sein, dass dieses Thema der Gedächtnisabteilung Verdrängung zugeordnet wurde. Mit Pferden habe ich es nämlich nicht so.

Inzwischen lebt die Nachkommenschaft auf größeren Füßen. Zumindest der männliche Part. Die Lieblingstochter begnügt sich weiterhin mit Schuhen aus der Puppenabteilung. An ihrem Kinderstatus hingegen hat sich aus unserer Elternsicht nix geändert. Jeder Erwachsene ist schließlich immer auch noch Kind. Zumindest täte jeder gut daran. Der Göttergatte hat das perfektioniert und eilt uns allen diesbezüglich gerne weit voraus. Das Kind im Manne und so …
Der Einfachheit halber könnten wir also die früheren Kinderspiele einfach adaptieren. Bungeejumping, StockCar Rennen, Freeclimbing, Paintball. Also rein gedanklich. Und die Betonung liegt dabei ganz klar auf gedanklich … Ich sag mal so: Wir können auch anders bekloppt sein. Ohne das Adrenalingedöns. Zum Glück. Für meine Nerven. Und den Geldbeutel.

Fünf Erwachsene terminlich zusammenzufassen ist ja mitunter eine oscarverdächtige Leistung. Von daher war ich beinahe schon beeindruckt, dass das diesjährige Happening nur neun Tage nach dem eigentlichen ‚Feiertag‘ einberufen werden konnte. Während wir uns letztes Jahr aufgeteilt hatten – Wenn der Vater mit dem Sohne den Söhnen auf der Experimenta herumalberte,

Experimenta Heilbronnund die Mutter mit der Tochter derweil die heimische Küche in ein Bastelchaos verwandelte –

sollte es dieses Jahr wieder etwas Gemeinsames werden. Nix Besonderes, aber was Besonderes. Paradoxa kann ich. Und nach langen Überlegungen kam ich schließlich auf die Idee etwas zu tun, was wir früher gerne und regelmäßig, in der Zwischenzeit aber schon sehr lange nicht mehr gemacht hatten: Picknick.

Die Wettervorhersage versprach bestes Sommerwetter, heiß und trocken. Wie seit Wochen. Just am Tag vor dem Tag änderte der Wetterdienst dann plötzlich seine Meinung. Vielleicht hatte er ja Petrus Memo zu spät gelesen, jedenfalls klatschte das Wasser wie aus Kübeln ohne Vorwarnung, dafür mit Blitz und Karacho, vom Himmel, als gäbe es kein Morgen mehr. Daraufhin funkte die Lieblingstochter via Whatsapp Plan B: Picknick bei ihr daheim. Das war zwar ein 1A NIPSILD Ansatz – Nicht In Problemen Sondern In Lösungen Denken – aber eben trotzdem nur Plan B. Irgendwie wollte mir die Vorstellung einer familiären Kuschelrunde auf ihrem Hochflorteppich nicht so recht gefallen. Ihr Zwergenpalast ist perfekt für ein bis zwei Personen. Wenn aber vier Mann aufstehen müssen, weil einer aufs Klo muss … und beerefarbene Plüschfusseln zwischen all dem Essen … ach neee. Mal davon abgesehen – die Etymologie ist sich zwar nicht einig, was die Herkunft des Wortes Picknick anbelangt – ich finde ja den japanischen Begriff pikunikku ganz zauberhaft – wohl aber, dass es nicht allein ums Essen geht, sondern durchaus den Rang eines gesellschaftlichen (Sport)Ereignisses haben kann. Picknick ist also nicht einfach nur Picknick. Und gesellschaftliche Ereignisse können auf einem quietschbunten Plüschteppich abgehalten werden. Müssen aber nicht. Jedenfalls nicht dieses Mal!
Sonntagfrüh er-schien Frau Sonne dann auch brav zum Dienst. Der Göttergatte und ich hübbelten emsig durch die Küche und befüllten die Picknick-Körbe. Einzig um die noch nasse Erde sorgten sich meine Synapsen. Da wir keine richtige Picknick-Decke haben, waren feuchte Poppes vorprogrammiert, aber nicht besonders wünschenswert. Buchstäblich in letzter Sekunde vor Abfahrt kam der rettende Gedanke: Maler-Abdeckfolie. Vier mal fünf Meter. Vorrätig im Keller. Yes!

Bei der Lieblingstochter angekommen, wurden erst die Kindertagsgeschenke verteilt, dann diverses Picknick-Zubehör und los ging es. Bepackt wie Kamele einer Karawane zogen wir wie Selbige zum Schlosspark. Quer durch die gut besuchte Innenstadt. Ein Bild für die Götter, die Blicke diverser Passanten gleichwohl … leider nicht für die Nachwelt erhalten.
Ein schattiges Plätzchen war bald gefunden, zack waren die Decken ausgebreitet, Essen und Getränke drapiert. Und: Mahlzeit. Manches geht recht fix. Anderes hingegen:
Zum Picknick gehören Brezeln. Zumindest Hierzulande. So weit so gut. Seit Samstag gibt es die dazugehörige Brezel-Unterhaltung, die die Lieblingstochter und ich im Vorfeld führten und die uns nun wohl auf ewig begleiten wird. Ich hab sie der Lieblingstochter aus ihrem Wochenrückblick geklaut.

Lieblingstochter: „Sollen wir für morgen noch etwas besorgen?“
Ich: „Nein.“
LT: „Ok.“
Ich: „Brezeln.“
LT: „Aufbackbrezeln?“
Ich: „Nein. Fertige.“
LT: „Kann halt wieder sein, dass die ned frisch sind.“
Ich: „Jetzt im Kaufland oder morgen?“
LT: „Morgen früh beim Bäcker.“
Ich: „Ah. Hm. Dann jetzt kaufen, wenn ihr dabei seid.“
LT: „Also, zum Aufbacken.“
Ich: „Nein. Einfrieren bis morgen.“
LT: „Und warum keine Aufbackbrezeln?“
Ich: „Machst du die dann fertig?“
LT: „Ich nehm doch ned die tiefgefrorenen Brezeln mit in den Park!“
Ich: „Achso. Ja dann.“

Wir verstehen uns. Blind. Und WortLOS. Ansonsten kann es durchaus schon mal dauern …

Schlosspark Bad Mergentheim

Schlosspark Bad MergentheimZugegeben, die Öko-Bilanz unserer Familienspeisung ist verbesserungswürdig. Dieses Blümchengeschirr ist Übrigbleibsel einer längst vergangenen Großfamilienfestivität und harrte seitdem der Dinge, die da kamen, aber mit anderem und richtigem Geschirr in Szene gesetzt wurden. Ich bin in den letzten Jahren schon so oft um die Kiste mit dem Wegwerfgeschirr rum geschlichen. Und schlussendlich kam ich zu der Erkenntnis: Entsorgen will und muss ich es sowieso. Was soll’s. Dann können wir es vorher auch noch benutzen. Nicht schön, nicht gut. Aber wenigstens praktisch. Dummerweise ist mein Einmal-Geschirr-Bestand ziemlich umfangreich. Ich weiß nicht mehr, für wie viele Personen seinerzeit geplant war. Aber es zeigt sich einmal mehr, ich habe andere Stärken als Rechnen … Machen wir also das Beste daraus. Einfach öfter Picknick.

Mit weiteren Übungsstunden für Federball-Ballett.

Grünen Momenten.

Schlosspark Bad Mergentheim

Entspannungs-Momenten.

Schloßpark Bad Mergentheim - Picknick

Und vor allem einem neuen Familien-Spiel: Wikinger Schach. Quasi Wirf das Stöckchen für Menschen.

Wikinger SchachDer Göttergatte und ich haben dieses Spiel schon vor beinahe zehn Jahren kennengelernt und seitdem (!) immer wieder davon gesprochen, uns so eins zuzulegen. Vor ein paar Tagen war es endlich soweit. Manche Dinge brauchen einfach unendlich viel Zeit. Warum auch immer.

Die Spielanleitung ist kurz und einfach. Das ist prima für Menschen wie mich, denen nach fünf Regeln schon die Aufmerksamkeit flöten geht. Die Spielregeln können, wenn gewünscht, getanzt und auf dem Spiele-Equipment rhythmisch begleitet werden. Auch ganz ohne Waldorfkindergartenerfahrung.

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Und um ihn hier dreht sich alles:

Wikinger Schach

Den König – auch wenn einige Spieler etwas viel Interessanteres entdeckt zu haben scheinen. Wollen sie gewinnen, müssen sie ihn umhauen. Ohne Gnade. Was sich dann aber auf einmal als gar nicht so einfach entspuppte. Dafür als sehr sehr lustig.
Noch ein paar vorbereitende Maßnahmen …

Schnickschnackschnuck

… Schnickschnackschnuck – und schon konnte es losgehen. Nachkommenschaft vs. Eltern / Freund der Lieblingstochter

Wikinger Schach17cofcof

Faxenmacher-Trio … Das Spielfeld geriet zur Lachnummer. Im wahrsten Sinne.
Ich liebe es, meine Kinder so zu erleben. Der Ernst des Lebens hat sie viel zu oft zu fest im Griff. Vielleicht ist es auch andersrum. Umso wichtiger, dass sie das Rumblödeln noch nicht verlernt haben. Der Göttergatte gibt diesbezüglich ein verlässliches Vorbild ab. Auch für mich. Was bin ich froh drum.

Wikinger SchachDer König ist gefallen

Drei Mal musste der König fallen, dann haben wir ihn begnadigt. Am Ende stand es 2:1. Für wen? Keine Ahnung. …  Wir hatten so einen Spaß, da war das gar nicht wichtig. Selbst der zwischenzeitliche Regen konnte unsere Laune nicht trüben. Ein bisschen Geduld – und die Sonne kam wieder.

Sonnenstrahlen

Für ein paar Stunden waren wir alle einfach nur spielende und lachende Kinder – Freude am puren Sein. Und DAS machen wir in Zukunft wieder viel öfter.

Kindertag ist, wenn wir ihn dazu machen.
Einstimmiger Familien-Beschluss.

(Und der König darf mitspielen.)

 


 

Ich hörte aus dem Fenster ein Kinderlachen
und ich wusste, es wird ein guter Tag.

(unbekannt)

 

 

 

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