Neunter Dezember

Morgenb1

Als ich vor siebzehn Jahren ins Ländle gezogen bin, verstand ich anfangs nix. Außer den Göttergatten, denn er beherrscht Hochdeutsch. Und zwar so perfekt, dass seine gebürtige Herkunft nicht vernehmbar ist. Was bei unserem Kennelernen vielleicht gar nicht so verkehrt war. Inzwischen sind meine Radartüten auf den hiesigen Dialekt kalibriert. Ich spreche zwar nicht schwäbisch, klingt einfach zu schräg, aber ich verstehe so gut wie alles. Vor einiger Zeit habe ich es bei einem virtuellen Schwäbisch-Test sogar geschafft, den  Göttergatten abzuhängen …
Dialekt lesen ist zwar immer noch wenig  holprig, aber mit etwas Geduld und verschieden betontem Vormichhinbrabbeln klappt auch das. Vor Kurzem habe ich auf meinem Rechner eine schwäbische Geschichte gefunden.* Ich weiß nicht, wie und wann sie zu mir gefunden hat, bekannt war sie mir jedenfalls nicht. Vermutlich habe ich sie seinerzeit nicht lesen können und verstanden erst recht nicht. Aber ich hab sie gespeichert. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, damit ich sie heute mit Euch teilen kann. Nun denke ich mir, dass es anderen Nichtschwaben mit dem Verständnis ähnlich geht wie mir damals. Deshalb habe ich mein Bestes gegeben und sie extra für Euch übersetzt. Und hab mich dabei königlich amüsiert. Lediglich eine, vermutlich nicht mehr ganz so zeitgemäße, Vokabel benötigte den Publikumsjoker familienübergreifende Übersetzungshilfe. Was für ein Spaß!

Verwirrung stiften kann ja bereits ein einziger Buchstabe. Kleines Beispiel gefällig? Im Schwäbischen wird der bestimmte wie auch der unbestimmte Artikel gleichermaßen durch a augedrückt. Darüber hinaus werden die (Weihnachts)Krippe und die Grippe beide mit G geschrieben und gesprochen: Fascht älle Leit hend a Grippe. kann also sowohl Fast alle Leute haben die Grippe. als auch Fast alle Leute haben eine Krippe. bedeuten. Klar oder?
Hier nun die Geschichte, zuerst im Originaltext, durchaus lustig zu lesen, auch ohne sie zu verstehen, darunter die Übersetzung. Viel Vergnügen.

1

A Adventsg’schicht

Dr Advent, hot mir a kloiner Bua vrzehlt, isch de sehenseht Zeit em Wender:
Fascht älle Leit hend a Grippe. Dia isch mit Huschta ond Fieber. Mir hend au oine, die isch mit Beleichdong. Drei Woche bevor s’Chrischtkendle kommt, stellt mei Babba die Grippe em Wohnzemmer uff ond mei kloine Schweschder ond i därfed helfa. De meischde vo dene Grippana send jo langweilig, onsere ett, weil mir seit dem Johr bodaguada Figura dren hend. Ond des isch so bassiert:
Wia mr dia Figura aus em Sommerschlof vom Keller ruffg’holt hend, waret dia ganz kalt. Do hend se mir loid do ond i hari’s zorn g’wärma a uff den Ofa en dr Kiche g’schdellt. Des war vielleicht abissle z’warm. Des Chrischtkendle isch z’mol ganz ruassig schwarz g’worda ond den Josef hots total vr’rissa. Oi Fuaß von em isch direkt en da Bredlesdoig g’floga, dass no so g’spritzt hot. MeiMamma hot g’schompfa ond g’sagt, daß net amol mai d’Heilige vor meirer Dommheit sicher seiet. Jetzt hot des nadierlich bled ausg’seha – dui Maria ohne Ma ond ohne Kend. Aber no han i oifach en meirer Spielkischd romgruschdlet ond au en Ersatz g’fonda. Dr Josef isch jetzt dr Donald Duck. Als Chrischtkendle han i dr Aschderix nemma wella, weil der als oiziger so kloi ischd, daß’r en dea Fuadrtrog neibasst hätt. Aber mei Mama hot wieder g’schompfa – mr ka doch da Aschderix et zorn Chrischdkendle macha – do sei des A’gloschdede no hondert mol besser. Hendr dem Chrischdkendle schdanded bei ons zwoi Ochse ond en Esel. Weil des a bissie langweilig ausg’seha hot, han i no a Nilpferd ond en Prontosaurier drzua na g’schdellt, des gibt oifach ebbes her. Lenks vom Schdall kommed grad de heilige drei Kenich drher. Oiner isch meim Babba ledschd Johr beim Eipacka nag’haglet ond war total he. Jetzt hend mir bloß no zwoi Kenich – aber neierdings an heilige Batman als Ersatz. Normal hend jo die Kenich en Haufa Zuigs fir des Chrischdkendle drbei – Gold, Weirauch ond Püree oder so. Weilmr arm send ond koi Geld hend, han i vom Babba seim AOK-Kärtledes goldene Viereck rausg’schnitta – des glänzt au schee. Weilmr au koin Weihrauch hend, han i dem andere Kenich a Marlboro en d’Hand druckt, die raucht au schee. Dr heilige Batman hot a Bischdol statt dem Püree, das basst et so, aber so ka der des Kendle uff jeda Fall vor dem g’fährliche Saurier schütza. Hendr de drei Kenich han i älles mit a paar Indianer garniert ond drzua onsern alde Engel g’schdellt. Weildem scho lang a Fuaß fehlt, han en uf a Motorrädle g’setzt. So ka der jetzt fahre, wenn er koi Luschd zorn Fliaga hot. Meh schdoht eigentlich ett en onsera Grippe, ausser no a paar Pokemons als Verzierung hender dem Moosbolla. Aber i fend, onser Grippe sieht des Johr bollastark aus. Wenn no dr Heilig Obed kommt, dr Babba beim Uffschdella vom Chrischdboom alle Heilige verflucht – weil dr Schdamm z’groß oder dr Schdender z’kloi ischd, wenn er sich mit dr Lichterkette schiergar selber verwirgt ond mehr Kugla he macht, als er uff den Boom nuffbrengt, no isch bei ons d’Schdimmung uff em Höhepunkt. Wenn dr Mama d’Soitawürschdla platzed, weil se mit em Lametta uff den Boom nuffzähle et ferdich worda ischd, no hen mir emmer a wonderbare Bescherong drhoim. Weil’s bei viele Leit au so oder so ähnlich ischd, wenschd mr sich wahrscheinlich au emmer fröhliche Weinachten.

Ond des wensch i Eich älle au!

3

Eine Adventsgeschichte

Der Advent, so hat mir ein kleiner Junge erzählt, ist die schönste Zeit im Winter:
Fast alle Leute haben eine Grippe. Die ist mit Husten und Fieber. Wir haben auch eine, die ist mit Beleuchtung. Drei Wochen bevor das Christkind kommt, stellt mein Papa die Krippe im Wohnzimmer auf und meine kleine Schwester und ich dürfen helfen. Die meisten von den Krippen sind ja langweilig, unsere nicht, weil wir seit einem Jahr besonders tolle Figuren drin haben. Und das ist so passiert:
Als wir die Figuren aus dem Sommerschlaf aus dem Keller hochgeholt haben, waren die ganz kalt. Da haben sie mir leidgetan und ich habe sie zum Wärmen auf den Ofen in der Küche gestellt. Das war vielleicht ein bisschen zu warm. Das Christkind ist plötzlich richtig rußschwarz geworden, und der Josef ist kaputt gegangen. Ein Fuß von ihm ist mitten in den Plätzchenteig gefallen, dass es nur so gespritzt hat.  Meine Mama hat geschimpft und gesagt, dass nicht einmal die Heiligen vor meiner Dummheit sicher seien. Jetzt hat das natürlich blöd ausgesehen, die Maria ohne Mann und ohne Kind. Aber da hab ich einfach in meiner Spielkiste rumgewühlt und auch einen Ersatz gefunden. Der Josef ist jetzt der Donald Duck. Als Christkind hab ich den Asterix nehmen wollen, weil der als einziger so klein ist, dass er in den Futtertrog reingepasst hätte. Aber meine Mama hat wieder geschimpft – man kann doch den Asterix nicht zum Christkind machen – da sei das Angeschmorte noch hundert mal besser. Hinter dem Christkind standen bei uns zwei Ochsen und ein Esel. Weil das ein bisschen langweilig ausgesehen hat, hab ich noch ein Nilpferd und einen Prontosaurier dazugestellt, das gibt einfach was her. Links vom Stall kommen grade die Heiligen drei Könige daher. Einer ist meinem Papa letztes Jahr beim Einpacken runtergefallen und war total kaputt. Jetzt haben wir nur noch zwei Könige, aber neuerdings einen heiligen Batman als Ersatz. Normalerweise haben ja die Könige eine Menge Dinge für das Christkind dabei – Gold, Weihrauch und Püree oder so. Weil wir arm sind und kein Geld haben, hab ich von Papas AOK Karte das goldene Viereck rausgeschnitten – das  glänzt auch schön. Weil wir auch keinen Weihrauch haben, hab ich dem anderen König eine Marlboro in die Hand gedrückt, die raucht auch schön. Der heilige Batman hat eine Pistole statt dem Püree, das passt nicht so, aber so kann der das Kind auf jeden Fall vor dem gefährlichen Saurier schützen. Hinter den Königen hab ich alles mit ein paar Indianern garniert und dazu unseren alten Engel gestellt. Weil dem schon lange ein Fuß fehlt, hab ich ihn auf ein Motorrad gesetzt. So kann er jetzt fahren, wenn er keine Lust zum Fliegen hat. Mehr steht eigentlich nicht in unserer Krippe, außer noch ein paar Pokemons als Verzierung hinter den Mooskugeln. Aber ich finde, unsere Krippe sieht dieses Jahr megastark aus. Wenn nun der Heilige Abend kommt, der Papa beim Aufstellen vom Christbaum alle Heiligen verflucht, weil der Stamm zu groß oder der Ständer zu klein ist, wenn er sich mit der Lichterkette beinahe selbst erwürgt und mehr Kugeln kaputt macht, als er auf den Baum bringt, dann ist bei uns die Stimmung auf dem Höhepunkt. Wenn der Mama die Wienerwürstchen platzen, weil sie mit dem Lametta auf den Baum hängen nicht fertig geworden ist, dann haben wir immer eine wunderbare Bescherung daheim. Weil es bei vielen Leuten auch so oder so ähnlich ist, wünscht man sich wahrscheinlich auch immer fröhliche Weihnachten.

Und das wünsch ich Euch allen auch!

2

Ich finde ja, so eine zuckersüße Fee hätte auch noch ganz hervorrgend in das Krippen-Ensemble gepasst …

In diesem Sinne …

Uns allen einen fröhlich-entspannten Zweiten Advent.

 

Britta

 


* Ich konnte die Ursprungsquelle des Textes aktuell nicht ausfindig machen. Entsrechende Hinweise prüfe ich selbstverständlich.

2 Gedanken zu “Neunter Dezember

  1. Wiebi Peters schreibt:

    Guten Morgen!

    Nach dem dritten schwäbischen Satz war selbst ich raus … das war mir dann doch zu hoch. Aber die Story ist geil! Möchte gar nicht wissen, wie lange du an der Übersetzung gesessen hast. :O
    Ich musste herzlich lachen – der heilige Batman war echt der beste!

    Die Tochter :*

    Gefällt 1 Person

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