Achtzehnter Dezember

Morgenb1

 

Boom

Im Walde stand ein Tannenbaum-
ist nicht mehr dort, du glaubst es kaum.
Ich hab ihn heimlich rausgeklaut
und dann zu Hause aufgebaut.
Nun steht er hier und harrt der Dinge,
auf dass ihm bald ein Glöckchen klinge.
(aus meinem unerschöpflichen Gedankenblödsinnquell)

Dieses Jahr klingelt nix. Jedenfalls nicht am Baum, denn wir haben ja gar keinen. Womit sich die Frage, ob künstlich oder echt um ein weiteres Mal verschoben hat. Bisher hatten wir immer echte Bäume, die allerdings des Öfteren auf recht abenteuerlichen Wegen zu uns fanden. Wie etwa 2008, als sich Rausklauen durchaus zu einer überlegenswerten Alternative mauserte, bevor wir einmal mehr stolz verkünden konnten: Wir haben jetzt auch einen Baum! Selbst gepflückt! Und das kam so:

Des Göttergatten Arbeitgeber erfreut seine Mitarbeiter jedes Jahr mit Weihnachtsbaum-Gutscheinen. Der Göttergatte schleppt den Gratisschnipsel in Form eines giftgrünen Papier-Tannenbäumchens nun eifrig heim, zur Freude der ganzen Familie: Die Verwaltung der Haushaltskasse freut sich über die – heutzutage durchaus erwähnenswerte – Ersparnis, die männliche Nackommenschaft freut sich auf das Verprügeln des Baumes und der Herr des Hauses übernimmt den Rest der Freude, die sich äußert in Baum aus Schonung schleppen, auf’s Auto wuchten und sichern, heimfahren und wieder abladen, in den Baumständer einpassen und aufstellen. Verteilte Freude ist doppelte Freude…

7

Und so nehmen die Dinge am Nachmittag des Zweiten Advent ihren Lauf. Mit dem Meterstab bewaffnet nimmt der Göttergatte Maß, um die maximale Höhe unseres diesjährigen Weihnachtsbaumes zu ermitteln. Meinereiner erinnert sich währenddessen an eine Radiomoderation von vor einigen Tagen, die unter anderem dieses klärte: Die Größe eines Weihnachtsbaumes wird durch folgende Reihenfolge bestimmt: Frau, Budget, Zimmerhöhe … Der Göttergatte verkündet: 2,20 Meter!
Kurze Zeit später, allesamt bereits fertig verpackt, um dem grauen Himmel und dem nicht minder grau anmutenden nasskalten Wetter während des Baumfällen-Events zu trotzen, ereilt den Göttergatten ein kollegialer Anruf, der sich als Tipp des Tages heraus stellen sollte: Gummistiefel einpacken. Gehört – getan und Abfahrt. Unterwegs holen wir bei Schwiegereltern noch eine Säge und genaue Zustandsbestimmungen für die schwiegerelterliche Tanne ab. Und weiter geht’s. Es beginnt zu dröppeln. Der Göttergatte nuschelt nicht näher definierbare Laute vor sich hin. Vermutlich beschließt er, die Tropfen zu ignorieren.  Nach weiteren Dröppeln kommt er allerdings nicht mehr umhin die Scheibenwischer zu betätigen, da ich inzwischen den Missstand auf der Windschutzscheibe bemängele. Ich liebe es auch als Beifahrerin nicht, blind zu fahren. Und während neben mir wieder für klare Sicht gesorgt wird, verkünde ich für alle, einschließlich des Universums, laut und deutlich: Es ist trocken, solange wir unsere Bäume aussuchen!
Ein Schild mit uns wohlbekanntem Firmenlogo taucht vor uns auf und signalisiert: Da lang! Kurz darauf ein weiteres. Da hat man(n) nix auszusetzen, da kann frau nix meckern – die Firma gibt sich redlich Mühe zur Perfektion. Die endet allerdings unfreiwillig und schlagartig am Parkplatz. Dort angekommen und noch nicht ganz ausgestiegen, werden wir Zeugen kameradschaftlichen Zusammenhalts. Direkt hinter uns hat sich ein Wagen im aufgeweicht matschnassen Rasen, bzw. dem, was davon noch zu erahnen ist, festgefahren. Sogleich strömen männliche Wesen aus allen Himmelsrichtungen hilfsbereit auf ihn zu, um ihn mit vereinten Kräften wieder flott zu machen. Keine zwei Minuten später – das Gummistiefelanziehen erweist sich auf dem glitschigen Untergrund als recht schwieriges Unterfangen – komme ich allerdings nicht umhin, darüber zu sinnieren, ob die Hilfsbereitschaft der einzelnen Herren nicht auch ein mindestens klitzekleines bisschen mit Eigennutz behaftet ist, als sie erneut ausströmen, um einen weiteren Wagen aus dem Dreck zu schieben. Wir haben indessen den Schuhwechsel erfolgreich beendet und unsere sieben Sachen beisammen, da meldet ein dritter PKW Hilfsbedarf an. Zeitgleich beginnt meine innerliche Alarmglocke schon mal zaghaft das Bimmeln, das sich nachfolgend in einem Stoßgebet äußert: Oh lieber Himmel… Der Göttergatte lässt daraufhin mit dem Brustton der Überzeugung verlauten: Wir kommen hier raus! Sein Wort in Gottes Ohr…

Während die blechernen Hilfeschreie auf dem Parkplatz weiterhin im Kurzzeittakt erschallen, marschieren wir los Richtung Schonung. Und noch bevor wir zehn Meter gelaufen sind, flehe ich den Himmel ein zweites Mal an: Die Personen, die uns entgegenkommen, sehen aus, als kämen sie direkt vom Schlammm-Catchen. Dabei ist völlig egal, ob Kind, Mann oder Frau. Zwei weiblichen Teens, die keuchend einen Baum anschleppen, steht der Frust so deutlich im Gesicht geschrieben, dass ich zu zweifeln wage, dass sie je wieder eine Weihnachtsbaumschonung betreten. Wahrscheinlich werden beide den Rest des Tages damit beschäftigt sein, sich wieder gesellschaftsfähig zu machen. Ich werfe fix einen Blick auf unsere vor uns stiefelnden Jungs, die Modder hat bereits Besitz von ihnen ergriffen. Zumindest konnte ich Sohnemann II., wenn auch nur in gut gewürztem Ton, dazu nötigen, die Hosen in die Stiefel zu stecken. Sohnemann I. hingegen befand mein Ansinnen als absolutes No-Go. Arbeitsstiefel … als Beinahe-Erwachsener trägt man(n) schließlich keine Gummistiefel mehr … in der Öffentlichkeit sind schon eine Zumutung, aber dort dann auch noch die Hosen reinstecken?! Wozu gibt es schließlich die Waschmaschine? Wer diese nach dem Event bedient, bleibt seinerseits allerdings unerwähnt. Mit schiefem Grinsen pflichte ich also dem Göttergatten bei, der seinem unsichtbaren Kollegen wiederholt Dank für den Gummistiefel-Tipp ausspricht. Ein Ganzkörper-Schutzanzug wäre angesichts der hiesigen Zustände zwar die vernünftigere Wahl gewesen, aber wer hat den schon? So stapfen wir also wagemutig weiter, begleitet vom Austausch mitfühlender Blicke. Wir fühlen mit ob der Begegnungen der unheimlichen Art, die die uns Entgegenkommenden bereits hinter sich haben. Jene wiederum fühlen sehr offensichtlich mit uns, weil wir eben diese Begegnungen noch vor uns haben. Und ich kann mich der aufkommenden Frage: Wer ist jetzt besser dran? nicht wirklich erwehren. Ratzfatz bekommt doch da der Titel eines Weihnachtsklassikers eine völlig neue Bedeutung:

OOOOOH  Tannenbaum

 

Fortsetzung folgt…

Ich wünsche Euch einen heiteren und weihnachtlich beschwingten Dienstag!

Britta

 

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