Neunzehnter Dezember

Morgenb1

 

Ä Tännschen please II

Was bisher geschah:
An einem Zweiten Advent vor vielen Jahren macht sich eine gummibestiefelte Familie auf den Weg, die weltschönste Tanne aus einer modderumfluteten Schonung zu erretten, jeglichen unheilvollen Prophezeiungen zum Trotz. ◊

Die Schonung hält sich in überschaubaren Grenzen. Das gibt einerseits Anlass zur Hoffnung eines nicht allzu langen Aufenthaltes, andererseits verspüre ich angesichts der teils schon recht kahl geschlagenen Baumreihen eine gewisse Fragwürdigkeit bezüglich eines für uns geeigneten Baumes. Diese wird dadurch verstärkt, dass mein scannender Blick vermehrt Gewächse wahrnimmt, die die Bezeichnung Weihnachtstanne nicht annähernd verdient haben.

Weniger kritische Mitbürger würden das möglicherweise anders formulieren: Mutter Natur hat ihrer Kreativität freien Lauf gelassen und offenbart uns hier ihre grenzenlose Vielfalt. Den absoluten Gipfel dieser Vielfalt finde ich kurz nach Beginn unserer Suche in Form eines Tannenbusches! Die Spitze reckt sich etwa auf Höhe meines Bauchnabels, der Umfang macht diesen Bonsaiwuchs aber um Längen, oder besser gesagt Breiten, wieder wett. Die eingehende Betrachtung dieses unvollkommenen, dafür kugelrunden Gewächses scheint mütterliches Mitgefühl in mir zu wecken, denn ich höre mich plötzlich allen Ernstes fragen: Wie wäre es mit diesem hier? Die Reaktion der Family umfasst in etwa die Bandbreite von Mitleid über Argwohn bis hin zu Schock ob meiner offensichtlich verloren gegangenen Urteilsfähigkeit. In Nullkommanichts habe ich die, mir nicht unbedingt zur mütterlichen Ehre und Erhabenheit gereichende, Sachlage gecheckt. Und als wäre mir dieser Satz nie über die Lippen gekommen, würdige ich die Baumkugel mit sofortiger Wirkung keines Blickes mehr und flaniere, so gut es der knöchelhohe Morast zulässt, majestätisch den Rest der Baumreihe entlang…

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Dabei gleitet mein Blick über das an die Schonung angrenzende Feld hin zum Horizont. Schlagartig sind Krone und Zepter vergessen, denn was sich gerade über unseren Köpfen zusammenbraut, verlangt eher nach Kapuze, Schirm und Flucht gen Auto. Da aber Panikmache unserem Ansinnen nicht zuträglich ist – schließlich habe ich mich gerade erst wieder auf einen Baum erster Wahl besonnen – erwähne ich eher beiläufig, dass Regen im Anmarsch ist und widme mich schnurstracks erneuter aufmerksamer Betrachtung der Bäume und Baumähnlichen. Der Rest der Family tut es mir gleich, und kurz darauf feiern wir den ersten Erfolg: Eine Tanne, wie fürs schwiegerelterliche Wohnzimmer geschaffen, zieht unser aller Blicke magisch auf sich. Zur genaueren Begutachtung schleichen wir im Viererpack mit scharfen Blicken einmal kreisrund um das auserwählte Gewächs und ritsch-ratsch tut die Säge ihre Arbeit – dieser Baum ist unser!

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Während Göttergatte und Nachkommenschaft Nummer Eins zum Vernetzen bringen, beobachte ich das Geschehen auf dem Platze, immer darauf bedacht, nicht dem Schlamm zum Opfer zu fallen. Dies erfordert manch akrobatische Übung, die garantiert keinen Preis in der Kategorie Ästhetik gewinnen würde. Glücklicherweise geht es sämtlich anderen anwesenden Suchenden genauso, was sich bei direkten Begegnungen mit diesen bestätigt durch gleichermaßen Verständnis heischende und mitfühlende Blicke: Die Schonung gleicht einem Bootcamp und der Matsch mimt den dazugehörigen Personal Trainer. Selbst mit einer – wenn auch unregelmäßig unterbrochenen – Hürdenstrecke kann das Gelände aufwarten. An allen baumfreien Plätzen wachsen mit Nadeln bespickte Stängel wie Spießruten aus dem Boden – Nachwuchs von kaum-zu-sehen- bis übersehen-könnte-schmerzhaft-sein-Größe. Ein klarer Blick erweist sich als hilfreich, möchte man die Winzlinge nicht zertreten und von den Teens nicht gepiesackt werden. Wobei selbst der nicht zwangsläufig ihr Überleben sichert, da ihre menschlichen Namensvetter sie im Eifer des Gefechts … oder der Planlosigkeit … über den Haufen rennen oder gar im wahrsten Sinne des Wortes in den Boden stampfen. Die männlichen Familienmitglieder haben sich währenddessen wieder zu mir gesellt, und so beende ich meine Beobachtungen mit der Frage, ob der vorweihnachtlich-bedingte Schlammtod evolutionär gesehen unter die natürliche Auslese fällt?

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Und schon beginnt die Jagd nach dem perfekten Baum von vorne: Lametta-Anwärter sichten, vooorsichtig draufzu stürmen, im Kreis schleichend taxieren, sicherheitshalber noch einmal – mehr kopfschüttelnderweise – schleichen, Auswahl verwerfen, seufzen, Zapfen und Stäbchen ausrichten, nächsten potentiellen Lametta-Anwärter anpeilen, vooorsichtig draufzu stürmen…  Zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn oder krumm – Reihe rauf, Reihe runter inspizieren wir Gehölze in allen Kategorien, inklusive Vertreter der Opposition gegen die Immergrünheit und der FKK-Bewegung, nur Mr. Right ist nicht dabei. Unsere fruchtlose Suche definiert sich in mittlerweile fragwürdigen Auswahlkriterien vonseiten der Nackommenschaft. Ich bin allerdings nicht wirklich angetan von Bäumen, die wuchstechnisch an Stangenbohnen, Zucchini oder sonstige Gemüse erinnern. Ich hege die Befürchtung, dass hier selbst Lametta und goldene Kugeln keinen großen Gewinn bringen würden.

Fortsetzung folgt …

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P.S. Es gibt zwar keine BeweisLive-Bilder aus dem Jahr der Berichterstattung, aber wenigstens den Baum in voller Pracht.

In diesem Sinne

Rockin‘ around the Christmas Tree

… und jede Menge Spaß bei den letzten Weihnachtsvorbereitungen!

 

Britta

 

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