Zwanzigster Dezember

Morgenb1

 

Ä Tännschen please III

Was bisher geschah:
An einem Zweiten Advent vor vielen Jahren macht sich eine gummibestiefelte Familie auf den Weg, die weltschönste Tanne aus einer modderumfluteten Schonung zu erretten, jeglichen unheilvollen Prophezeiungen zum Trotz. Unter Einsatz ihres Lebens kämpft sie sich unermüdlich und unbeirrbar durch nicht enden wollende Widrigkeiten – für König und Krone fröhliche Weihnachten. ◊

Selbstverständlich kommt nichts von alledem über meine Lippen. Immerhin hat sich die Nachkommenschaft noch nicht ganz dem Frust und Matsch ergeben, sondern stiefelt weiterhin, wenn auch merklich weniger enthusiastisch, von Baum zu Baum, der Göttergatte und ich gleichermaßen hinterher, getreu dem Motto Nicht aufgeben ist schon halb gewonnen, selbst, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht …

Und dann steht er da – Mr. Right, als hätte er nie etwas anderes getan. Hat er auch nicht. Hallo?! Dat is’n Boom! Groß und stattlich, ein Bild von Baum. Da kann mann glatt neidisch werden. Zur Sicherheit … oder aus frisch erworbener Gewohnheit? … hübbelt unser Quartett freudig ums Holz. Für den Größenabgleich beordere ich den Göttergatten direkt neben Mr. Right, der wie sich nun zeigt, doch etwas größer ist, als es ursprünglich den Anschein hatte. Egal, Kopf Stamm kürzer, dann passt das. Da muss der Gute durch, dafür erhält er schließlich das Privileg, als Weihnachtstanne in unseren heiligen Hallen zu erstrahlen. Der Göttergatte und Sohnemann I. wechseln sich beim Sägen ab, mit geschwind ritsch-ratsch ist das Werk hier nicht getan. Beflügelt von der in Aussicht stehenden Fahrt ins traute Heim und dem verdienten heißen Tee mit selbstgebackenen Plätzchen kann uns nichts mehr aufhalten.

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Sohnemann II. als Baumhalter harrt mit skeptischem Blick der Dinge, die auf ihn zukommen, während ich das Arrangement aus Bezwinger, Fänger und Besägtem sorgsam dirigiere. Orchestraler Paukenschlag – dann verklingt der letzte Ton und an seiner statt vernehme ich frohlockendes Keuchen. Es ist vollbracht! Und kaum, dass wir diesen Erfolg für uns verbuchen können, hält der Himmel mit seiner Drohung nicht länger zurück, öffnet ohne jede Vorwarnung seine Schleusen und lässt sein kaltes Nass prasselnd auf uns niederfallen. Schlagartig fällt mir etwas ein: Es ist trocken, solange wir unsere Bäume aussuchen! Hat ja bestens funktioniert. Vielleicht sollte ich das nächste Mal einfach noch ein Stückchen weiter denken. So bis zum Verlassen des Parkplatzes. Wenigstens …  So fix es geht, bugsiert die Männerschaft unser saisonales Familienmitglied sorgsam durch Matsch und Modder an den Rand der Schonung, wo er sogleich fachmännisch in ein maßgeschneidertes Netzgewand gehüllt wird.

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Und schon setzt sich unsere Karawane eiligst und zielstrebig wieder  in Bewegung: Göttergatte, Sohnemänner, schwiegerelterlicher Baum, Mr. Right und meinereiner. Während ich als tannenreigendirigierender Regisseur lediglich bemodderte Gummistiefel vorzuweisen habe, sieht die Männerschaft deutlich gezeichneter aus, wobei die Schonung der Dreck vom Kleinstem zum Größten in  proportionaler Zunahme haftet, die Stiefel nicht mal eingeschlossen. Derweil bleibt keine Zeit, Gedanken an etwaige Reinigungsarbeiten zu verschwenden – höchste Konzentration ist vonnöten, um die unter der Tannenlast keuchende Nachkommenschaft und ihren Vorstand auf dem rechten Weg zu halten und vor drohenden Rutschpartien zu warnen. Der Sieg ist schließlich schwer errungen und seine Beute heilig. Endlich auf dem inzwischen deutlich lichter gewordenen Parkplatz angekommen, läßt sich das umfangreiche Drama vorangegangener kameradschaftlicher Rettungsaktionen auf einen Blick erkennen. Der zweite Blick signalisiert meinen schlagartig wild funkenden Synapsen das daraus resultierende fehlende Bergungspersonal: Äähm Schahatz …?! – Wir kommen hier raus. Der Göttergatte ist zwar immer noch um ausreichend Atemluft bemüht, dennoch grundsätzlich tiefenentspannt. Ich befleißige mich meiner Hoffnung, schließlich dürfen Männer auch mal recht haben und ignoriere geflissentlich jedwede Spurrinnengräben und wild verlaufende Reifen-Choreografien, unterdessen die beiden Tannen auf das Autodach gewuchtet und am Gepäckträger fahrtauglich gemacht werden.

◊ Fun Fact: Ein Jahr später holten wir die Tannen mit dem schwiegerelterlichen Auto samt Anhänger. Auf dem Weg zu Schonung fuhren wir einen ziemlich steilen Abhang auf eine Kreuzung zu, an der wir vorfahrtsgemäß anhielten, um augenblicklich mit großen Augen und offenen Mündern einem führerlosen PKW-Anhänger nachzustarren, der just in diesem Moment links überholte, direkt auf die Kreuzung zurollte und mittendrauf stehenblieb. Atemlose Stille … Der Göttergatte fing sich als erster, fixierte kurz den Rückspiegel, vergewisserte sich mit einem schnellen, wenn auch immer noch ungläubigen, Blick hinters Auto und schoss aus selbigem in Richtung des flüchtigen Anhängers … Zu unserem Glück war nicht nur früher Adventssonntagnachmittag, sondern wir wohnten zudem so ländlich, dass das Verkehrsaufkommen zu dieser Zeit nahezu gen Null lief, so dass der Göttergatte in Ruhe auf der Kreuzung rumrangieren konnte, um Auto und Beiwerk wieder ordnungsgemäß und verkehrskonform zu vereinen. Den Rest der Fahrt verbrachten wir in einem Zustand aus wiederkehrender Fassungslosigkeit, unterbrochen von schallendem Gelächter und familiärer Ursachendiskussion. ◊

Traditionsbewußt Hungrig huschen wir vor der Heimfahrt noch in das von der Firma bereitgestellte Catering-Zelt. Heiße Suppen, Rote Wurst und Steaks dienen uns nicht nur als Belohnung Stärkung, sondern auch als Wärmequelle, solange wir sie in den Händen bzw. die Nasen drüber halten, Tee und Punsch versüßen uns den Aufenthalt zusätzlich – im wahrsten Sinne des Wortes. Und kaum, dass wir weitestgehend wieder alle Kräfte beisammen haben, gibt es kein Halten mehr: Ab nach Hause. Duschen. Saubere Wäsche. Und rauf auf die Couch – die Plätzchen sind nicht vergessen und passen definitiv noch in diverse Lücken zwischen Wurst und Steak. Und des Göttergatten Unbeirrbarkeit … und seines Gespürs für halbwegs moddersichere Parkplätze … und seiner Ausparkkünste … sei Dank, finden wir auch tatsächlich schnurstracks und ohne jegliches Rutschen und Rangieren zurück auf befestigte Wege. Für dieses Jahr haben wir unseren giftgrünen Gratisschnipsel erfolgreich gegen den für uns weltschönsten Tannenbaum eingetauscht. Nur noch ein paar Kugeln, Kerzen und Lametta trennen uns von der Nacht aller Nächte – Bald … ganz bald ist Weihnachten, und ich freu mich drauf!          – Ende –

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Auch, wenn es dieses Jahr keinen Baum gibt, meine Freude auf Weihnachten ist deswegen nicht geringer. Das Wichtigste ist ohnehin, dass ich alle meine Lieben beisammen habe. Weihnachten ist Familienzeit. Und die ist mir heilig. Das können ein Baum oder Geschenke nicht ersetzen, allenfalls verschönern:

Oh Holy Night

ich wär dann soweit …

In diesem Sinne …

Ich wünsche Euch einen vorfreudigen
und besinnlichen Donnerstag.

 

Britta

 

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