Einundzwanzigster Dezember

Morgenb1

Solange die Nachkommenschaft sich nicht bis wenig um Werbung scherte und vom allgemeinen Vorweihnachtstrubel größtenteils verschont blieb, war der saisonale Geschenkekauf eine feine, zügige und vor allem rechtzeitig erledigte Geschichte. Teilweise war ich bereits im September damit durch. Mit zunehmendem Alter der Abkömmlinge und ihrem gleichermaßen wachsenden Verständnis für die im Viertelstundentakt geschalteten Verbraucherinformationen auf den Kinderfernsehkanälen zog sich die Sache im Laufe der Jahre immer weiter Richtung Vorweihnachtszeit, bis sie schließlich in dauerhaften Last-Minute-Verfahren endete. Wunschlisten wurden nahezu täglich an die neuesten, tollsten, frisch auf den Markt geworfenen gekommenen, Spielzeuge angepaßt, kaum, dass die Kindersendung vorbei war. Für das Entziffern der heißbegehrten Wunschlisten-Stücke benötigte ich beinahe einen Kryptologen – Englisch für Nachwüchsige sollte sich meiner Meinung nach in anderen Kriterien widerspiegeln als in Produktbeschreibungen, welche ich jeweils ausgiebig und in allen Einzelheiten detailliert um die Ohren geknallt bekam. In dreifacher Ausführung versteht sich. Schließlich wurde Individualität hier nicht unter den Weihnachtsbaum Teppich gekehrt, sondern eifrigst gefördert. Ergo: drei Stoppelhopser – drei Wunschlisten, am liebsten so lang wie ein Ikea-Kassenbon das Blatt Papier reichte. Um das Chaos und meine Nerven halbwegs im Zaum zu halten, kam ich irgendwann auf die Idee EINES Wunschzettels für alle. Womit ich auch noch so ganz nebenbei meinem mütterlichen Auftrag der fächerübergreifenden Bildung in Muttersprache, Farblehre, Design, Traditionsbewusstsein, Feinmotorik, Fremdsprache und nicht zuletzt Sozialverhalten vorbildlichst nachkam.

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Dummerweise blieb diese Form der Liste eine Eintagsweihnachtsfestfliege, was weniger an ihrer Akzeptanz als an meiner Grauen Eminenz lag, die zeitweise ziemlich tatterig unterwegs ist.
Inzwischen praktizieren wir die Kunst der virtuellen Wunschlisten, was die Sache an sich zwar vereinfacht, aber nicht zwangsweise schneller macht. Das eine oder andere Mitglied der Nachkommenschaft verpennt nämlich schon mal die Aktualisierung seiner Wünsche. Last Minute – ick hör dir trapsen …

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Allerdings – die Sorgen um die … fast … Last-Minute-Geschenke teilen die Erwachsenen längst nicht mehr allein unter sich auf. Auch unzählige Nachkömmlinge beanspruchen ihren Anteil daran, wie ich bereits vor etlichen Jahren im vorweihnachtlichen städtischen Einkaufstrubel erfahren und erleben durfte.
Es war an einem achtzehnten Dezember. Und meine Spezies mittendrin. Nachdem eine Drogerie und ein Kaufhaus ihren Vorstellungen bezüglich eines Mama-Geschenkes nicht entsprechen konnten, was sie durchaus und völlig ungeniert mehrmals laut und deutlich mitteilten, machte ich ihnen den Vorschlag, über unseren, recht überschaubaren, Weihnachtsmarkt zu bummeln. Es bedurfte einiger Überredungskunst, die Lieblingstochter noch einmal als beratende Begleiterin zu gewinnen, da sie sich nach diversen, innerhalb weniger als einer Stunde überstandenen, Boxkämpfen und Minischlägereien ihrer Brüderschaft keinen weiteren Nerven- und Körpergefährdungen mehr aussetzen wollte. Dass sie schließlich nachgab, war wohl eher mir als den Sohnemännern zum Gefallen. So trotteten sie zu dritt von dannen, um nach einem geeigneten Geschenk Ausschau zu halten. Ich spazierte einige Meter betont langsam hinter ihnen her, um sofort die nächste Biegung in die erste von drei möglichen Gassen zu nehmen, wohl wissend, dass es mir unmöglich sein würde, meinen über den Markt hirschenden Abkömmlingen nicht x-mal über den Weg zu laufen. Folglich begrüßten wir uns feixend mit Guten Abend, wünschten uns beim zweiten Mal einen netten Bummel, liefen beim dritten Mal einige Schritte gemeinsam, wobei ich ihren leicht angespannten Gesichtern entnehmen konnte, dass der Erfolg ihnen bisher noch nicht wohl gesonnen war … Bei der schließlich letzten Begegnung schienen sie auf der Flucht zu sein, während Sohnemann I. mir zurief: Weiterlaufen, Mama, weiterlaufen! Leicht verdutzt schaute ich ihnen in ihrer wundersamen Zielstrebigkeit nach, war ich doch bereits auf dem Weg zum vereinbarten Treff-Punkt. Mein Blick auf die Marktplatzuhr ließ mich jedoch wissen, dass meinen davonspringenden Jüngern noch wenige Minuten zur Verfügung standen. In Anbetracht ihrer Dreieinigkeit, die sie  irgendwo zwischen den Buden ereilt haben mußte – und ich war sicher, keinem Rute schwingenden alten Mann in rotem Gewand begegnet zu sein – wäre ich sogar bereit gewesen länger zu warten. Nur etwa eineinhalb, von der direkt neben mir kältesteifstehenden Kapelle, geblasene Weihnachtslieder später sah ich meine Nachkommenschaft aber schon auf mich zustürmen: Sohnemann II. breit grienend Ich weiß ja was, was Du nicht weißt!, Sohnemann II. mit obercooler Beherrschung, die wortlos versprach: Von mir erfährst du nix!, die Lieblingstochter sichtlich erleichtert, zwei Minimonster unterschiedlichster Meinung – und sei es nur: DAS nehm ich nicht, weil DU das nimmst… – wieder aus ihrer Obhut entlassen zu dürfen. Und in vereinter Glückseligkeit mit meinem Geschenk in Schwesterchens Tasche entschwebte die Brüderschaft eilends Richtung Parkhaus, als gelte es, die Bescherung auf den selbigen Abend zu verlegen.  Das Resultat des Bummels stand dann hübsch verpackt und gut versteckt unter Sohnemanns II. Schreibtisch, während ich in der verbliebenen Zeit bis zum großen Tag wirklich nur wenige Male und gaaanz dezent auf die  Ü B E R R A S C H U N G  hingewiesen wurde.

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Und dieses Jahr? Kaum zu glauben, aber wir sind tatsächlich und wieder Erwarten erstaunlich früh dran. Fast alle Geschenke sind schon da und sogar verpackt. Ein Weihnachtswunder. Und das noch vor Heiligabend. Wenn das mal kein Omen ist …
Und dennoch – so sehr ich Überraschungen und Geschenke liebe,

The greatest gift of all …

ist, wenn wir als Familie zu dieser Zeit beisammen sind; wenn wir gemeinsam kochen, erzählen, singen, spielen und Spaß haben. Geschenke sind dann sozusagen der Glitzer auf all unserem Glück.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen wunderschönen Freitag.

 

Britta

 

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